Band

Es gibt immer Orte der Zuflucht, Rückzugsgebiete zum Regenerieren. Und so unterschiedlich diese Orte oder Momente sind, so vergleichbar sind die Motive, die dorthin führen. In diesem Sinne ist das „Aluna Quartet“ ein Ausflug auf ein Terrain, das intuitiv zu erleben und dabei aber schwer zu beschreiben ist.

Klar, wer die playlist des Ensembles liest, wird irgendwo einen Titel finden, den er schon mal gehört hat. Im Radio vielleicht, auf Reisen oder jedenfalls in vergangenen Zeiten. Denn die Auswahl, die das Ensemble trifft, hat etwas mit jener Magie zu tun, die jeweils ein Stück Musik zu etwas Zeitlosem gemacht hat. Schlager kommen und gehen, und die zahllosen Musiksendungen, die für die Fernsehanstalten produziert werden, sind ein beredtes Zeichen für die Kurzlebigkeit viele erfolgreicher Stücke. Was war noch gleich das Siegerstück des vorletzten Grand Prix der Eurovision? Keine Ahnung, und es kann versichert werden: keiner von uns vieren im Ensemble wird darauf eine Antwort wissen. Aber dieser Beethoven-Kanon, den wir mal als Kinder gehört haben, dieses Liebeslied „Marinella“, das uns nie mehr ganz aus dem Kopf gewichen ist und „Carbonara“ von „Spliff“….da war doch was, das uns alle ein bisschen geprägt hat.

Wenn wir gefragt werden, was für eine Art von Musik wir machen, drucksen wir alle immer ein bisschen herum. Nach einer Weile fällt manchmal dann als Antwort das neudeutsche Wort „Zapping“. Denn ein bisschen ist es so, dass wir uns den Wunsch erfüllen, den man beim Zappen zwischen den Radioprogrammen hat: am Ende eines schönen Stückes nämlich auf eine andere Frequenz zu schalten und dort genau den Anfang eines völlig anderen, aber genauso schönen Stückes zu hören. Nur dass das „Zappen“ im normalen Sprachgebrauch immer auch etwas so beliebiges hat.

Eine andere Antwort auf die Frage, was wir tun, ergibt sich aus der instrumentalen Zusammensetzung des „Aluna Quartets“: Bratsche, zwei Gitarren und Kontrabass, dazu vier singfreudige Stimmen. Acht Instrumente sozusagen, eine Kombo, nur eben zu viert und ohne Schlagzeug. Schon beginnt die Sache einen Charakter zu bekommen. Denn es ist einleuchtend, dass diese Besetzung für die Herausforderungen einer typischen Coverband völlig unzureichend ist. Und ganz ehrlich, das würde auch keinen von uns interessieren. Andererseits: ein gutes Stück Musik auf unsere Instrumente und Stimmen umzuschneidern, das ist schon wieder eine andere Sache. Nach Belieben, nach Laune und nach Möglichkeit.

Schon fügt sich alles zusammen. Ein Alleinunterhalter, der ein Ensemble braucht, ein Klassiker, der improvisieren will, ein Jazz-Gitarrist, der spielen will und ein Kontrabass, der das alles zusammenhält. Das Aluna Quartet im Ganzen. Der Name übrigens ist eine romantische Geschichte. Den eroberungswütigen alten Spaniern ist es nie wirklich gelungen, die Indios der Sierra Nevada de Santa Marta zu bezwingen. Diese Indios, die Kogi, die Arhuaco und die Wiwa, flohen vor 400 Jahren in ein Bergparadies, dessen vereiste Gipfel fast 6000 Meter hoch über Kolumbiens karibischer Küste aufragen. Statt sich dem Diktat der Spanier zu unterwerfen, entwickelten sie für sich ein eigenes, neues Idealbild der Erde. In dieser Philosophie hielt sich das menschliche Potenzial von Geist und Vernunft mit den vielfältigen Kräften der Natur eine harmonische Waage. Zwar sprachen die Angehörigen dieser drei Völker unterschiedliche Sprachen, aber ihre Mythen, Erinnerungen und grundlegenden religiösen Überzeugungen sind bis heute identisch. Ihr Glaube wird von zwei Säulen getragen. „Se“, das den spirituellen Kern allen Seins bedeutet, und „Aluna“, das die Seele, das Denken und die Vorstellungskraft der Menschen darstellt. Ein kleines bisschen wie in Südtirol, zumindest was das eigenwillige Bergvolk angeht. Was Musik als Rückzugsgebiet zum Regenerieren und die Lust auf alle Vorstellungskraft des Menschen angeht, ist Aluna aber jedenfalls ein ganzes Stück wie wir.